“Mitte” positiv hervorzuheben, ist gerade jetzt wichtig, weil es starke Tendenzen gibt, Mitte abzuwerten. Diese Tendenzen kommen nicht von der Rechten, sondern von der Linken und der ihr zuarbeitenden Politikwissenschaft. Es geht ihnen nicht nur darum, die “Mitte” als Brutstätte gesellschaftlicher Übel zu denunzieren, sondern auch darum, die Unterscheidung zwischen “Mitte” und “Extremen” abzuschaffen – um damit den Anlass zum Vergleich zwischen Rechts- und Linksextremen zu beseitigen. Was danach übrig bleibt, ist eine einfache, moralisch überhöhte Unterscheidung von “rechts” und “links”. (Ich verweise hier der Einfachheit halber auf Gensings “NPD-Blog”, der diese Bemühungen laufend referiert.)
Allerdings schlage auch ich vor, zwischen einer guten und einer unguten Mitte zu unterscheiden.
Die gute Mitte greift die Vorstellungen der gegensätzlichen Lager auf, um zwischen ihnen zu moderieren und zu vermitteln. Das impliziert, dass man auf allen Seiten berechtigte Mindestinteressen (Grundbedürfnisse) und Wahrheitsmomente (spezifische Erfahrungen) anerkennt. Es impliziert aber nicht, dass die Konfliktlösung geradewegs “in der (arithmetischen) Mitte” zwischen den Konfliktparteien liegen muss.
Die Vorbilder für diese Vermittlung oder Moderation sind (a) der Zivilprozess, (b) die wissenschaftliche Debatte (vorausgesetzt, dass sie optimal funktionieren). Das Zivilprozessrecht und die Wissenschaft sind daher die stärksten Stützen der prozeduralen freiheitlichen Demokratie (z.B. durch den Grundsatz: Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede, man muss sie billig hören beede.”)
Extremismus hat seinen guten Sinn im “Muckraking”, d.h. in der Aufdeckung verdrängter Missstände. Extremismus im schlechten Sinn bildet sich, wo eine Konfliktpartei ihre Wünsche und Ideen hundertprozentig durchdrücken will und sich gleichzeitig vorstellt, die gegnerische Partei müsse “einfach verschwinden”.
Umgekehrt gibt es auch eine schlechte Mitte. In der schlechten Mitte werden Konflikte nicht moderiert, sondern (Probleme und Konflikte) verdrängt und unterdrückt. Zugleich bildet sich in der schlechten Mitte die Vorstellung, die Extremisten müssten “einfach verschwinden”. An dieser Stelle kann man tatsächlich von einem “Extremismus der Mitte” reden.