Ich habe in diesem Blog schon öfter die Meinung vertreten, dass es nur eine Möglichkeit gibt, der Eskalation von Gewalt vorzubeugen – nämlich, dass jede Konfliktpartei sich in der Wahl ihrer Mittel an dem orientiert, was die Gegenseite vorgegeben hat, und dieses Maß nicht überschreitet.
Daher möchte ich das Krefelder “Bündnis” ausdrücklich loben für seine Haltung aus Anlass des Pro-NRW-Auftritts am 8.5. Dazu hieß es:
“Doch hält unser Bündnis eine Gegendemonstration nicht für die geeignete Form des Protestes. Vielmehr möchten wir die Gelegenheit nutzen, die Besucher der Veranstaltung mit Informationen über die Gefahr, die von pro NRW ausgeht, zu versorgen und im persönlichen Gespräch zu überzeugen … Eine Versammlung oder Kundgebung wird nicht stattfinden.”
Der wesentliche Punkt dabei ist natürlich nicht, dass das “Bündnis” keine Gegenkundgebung organisierte (das hätte niemanden gestört), sondern dass das Bündnis nicht versuchte, über eine Gegenkundgebung den Auftritt von “Pro NRW” zu sprengen oder zu verhindern. An diese Vereinbarung haben sich offenbar auch alle Gruppen des Bündnisses gehalten, so dass Krefeld für die ProNRWer – nach allen voraufgehenden Schmähungen und Belästigungen andernorts – einen freundlichen Abschluss ihrer Kampagne bot.
Was immer die genauen Motive dieser Politik waren, in der Sache war sie erfreulich. Im übrigen steht es mit der Gefahr, die von Pro NRW ausgeht, nicht grundsätzlich anders als mit der Gefahr, die laut Pro NRW von den Islamisten ausgeht. Zusammengeschlossene und politisch agierende Personen sind immer eine Eventualgefahr für andere. Insofern sei jedermann gegönnt, dass er das Publikum vor dem jeweils anderen warnt. (Allerdings: Worin soll die Gefährlichkeit der ProNRWer genau bestehen? Dass sie einen Streit anheizen, der zu Ausschreitungen junger Migranten führen kann? Und wird dann nicht eigentlich “durch die Blume” signalisiert, wie gefährlich die Migranten sind – und kommt es nicht tatsächlich auch so beim Publikum an?)
Ich sehe drei mögliche Ursachen für das Verhalten des Bündnisses:
Die erste ist, daß die Akteure tatsächlich begriffen haben, daß es in der Politik um inhaltliche Auseinandersetzung und nicht um das gegenseitige Blockieren und Mundtotmachen geht. So sehr ich an das Gute im Menschen glauben will, eine derartig sensationelle Kehrtwende traue ich dem Bündnis nicht zu, denn gerade die “antifaschistischen” Dogmatiker finden sich dort zusammen.
Die zweite Möglichkeit wäre, daß das Bündnis die Pro-Taktik durchschaut hat. Pro ging es ja nicht darum, mit möglichst vielen Menschen in direkten Kontakt zu treten (das wären auch bei allen Anstrengungen immer noch zu wenig um wahlrelevant zu sein), sondern darum, in möglichstvielen Städten in die lokalen Medien zu gelangen. Dafür waren die Antifakrawalle rund um die Pro-Tour ein wesentliches Hilfsmittel. Wenn zum dialektischen Denken fähige Leute im Bündnis das erkannt haben, ist der Verzicht auf Störversuche taktisch begründet gewesen.
Als letztes kann ich mir noch eine rein praktische Ursache vorstellen. Am letzten Wahlkampfwochenende waren sehr viele Mitglieder des Bündnisses damit beschäftigt, Werbung für ihre eigenen Parteien zu machen. Die Stadt war an diesem Tag ja voll mit Wahlkundgebungen.
Meine Einschätzung ist, daß die Gründe eine Mischung der letzten beiden Punkte sind.
Von: Lodin am Mai 18, 2010
um 8:36 am
Lodin,
das ist eine realistische Einschätzung der möglichen Motive. Ich glaube auch nicht an eine idealistische Kehrtwende.
Andererseits: Was das Krefelder Bündnis hier praktiziert hat, das widerspricht doch der offiziellen linken Position, man dürfe in keinem Fall zulassen, dass die Rechte “normalisiert wird”.
Das ist eher die Position, die sonst von der CDU eingenommen wird und von links heftig angegriffen wird: Nehmt sie nicht wichtig, dann macht ihr sie nicht wichtig.
Was aber auch immer dahintersteckt: Ich bin überzeugt, dass man eine gute Handlung unabhängig von den Motiven loben darf und muss. Vor allem muss man signalisieren, dass man seinen jeweiligen Kontrahenten nicht stereotyp einschätzt – er darf nicht glauben: Egal was ich tue, die anderen werden immer das Schlechteste von mir denken -, sondern er muss merken, dass man auch kleine Veränderungen zum Guten wahrnimmt und anerkennt.
Von: brueckenbauer am Mai 29, 2010
um 5:51 pm