Verfasst von: brueckenbauer | Dezember 25, 2010

Zum Jahreswechsel. Stand des Antifaschismus heute

Wie in jedem Jahr, habe ich auch in diesem die wichtigeren antifaschistischen Internetauftritte konsequent nachverfolgt.

Im Prinzip hat sich nichts geändert. Ich behandele zunächst die drei Aspekte, die ich oben als “das moralische Minimum” aufgeführt hatte.
1. Wahrheitsorientierung. Nach wie vor gilt: Der Standard-Antifaschist ist gewillt, alles für wahr zu halten, was in sein Weltbild passt oder für seinen Erfolg günstig ist. (Das gilt für den bürgerlichen Antifaschisten ebenso wie für den Radauantifaschisten.) Vielleicht gibt es eine gewisse Faktenkontrolle bei Fakten, bei denen man öffentlich widerlegbar ist (obwohl ich auch hier merkwürdige Dinge gelesen habe). Aber bei “weichen Fakten” – wie etwa bei der Zuschreibung von Meinungen oder Handlungsmotiven – gibt es kein erkennbares Wahrheitsbewusstsein; eher scheint die Vorstellung zu herrschen, dass “man” sich derlei ganz normalerweise nach dem eigenen Geschmack zurechtlegt.
2. Gerechtigkeit als Fairness. Nach wie vor gilt: Der Standard-Antifaschist kommt gar nicht auf die Idee, Regeln, deren Einhaltung er von der Gegenseite erwartet, auch auf sich selber anzuwenden. Die liberale Idee von universellen Regeln als wechselseitigen Vereinbarungen zwischen Konfliktpartnern ist ihm fremd. Denn trotz des antifaschistischen Geschwätzes über “Universalismus” ist der Standard-Antifaschist im Herzen Vertreter eines Moral-Rassismus: Da er essentiell moralisch mehr wert ist als seine Gegner, wäre es doch zutiefst empörend, ihn auf die Einhaltung gleicher Regeln zu verpflichten.
3. Ein Minimum an Freundlichkeit. Hier gilt nach wie vor: Der Standard-Antifaschist ist einer, der auch in Petitessen oder dort, wo für ihn politisch nichts auf dem Spiel steht, hämisch oder schadenfroh reagiert.

Monströs ist nach wie vor der Selbstwiderspruch – dass sich nämlich jemand im Namen von “Gleichwertigkeit” und “Inklusion” darauf kapriziert, einen anderen für moralisch minderwertig zu erklären und deshalb systematisch auszugrenzen. Logisch ist das ganz und gar unverständlich. Psychologisch folgt es vielleicht dem Bedürfnis, ein schlechteres Verhalten dadurch zu kompensieren, dass man seine idealen Ziele um so höher ansetzt – so wie andere Menschen einen Krieg nur führen können, indem sie ihn “um des Friedens willen” führen.

Politisch ist der Antifaschismus ein wenig unter Druck geraten und reagiert nervös. Das äußert sich zum einen in der Polemik gegen den “Extremismusbegriff”, sprich gegen die Unterscheidungen freiheitlich vs. totalitär bzw. moderat vs. extrem. Angeblich sollen diese Begriffe verschwinden, um der Vielfalt des realen Lebens gerecht zu werden. In Wirklichkeit sollen sie verschwinden, damit die politische Wahrnehmung wieder auf eine einzige Dimension reduziert wird, nämlich rechts vs. links. Mit der Polemik gegen die politische Unterscheidung moderat vs. extrem korrespondiert neuerdings die Polemik gegen die (soziale) “Mitte” bzw. gegen das “Bürgertum”. Alles das dürfte die innere Kohäsion unter den Antifaschisten fördern, ist aber – wenn man es unters Volk bringt -nicht gerade massenwirksam. Im übrigen sollte es uns veranlassen, verstärkt über den Wert der Freiheit, der “Moderation” und der Mitte als Vermittlung zu reden.


Dies ist ein Kurzkritik, nicht mehr. Jede wirklich gute Kritik müsste sorgfältig darauf achten, immanent zu verfahren, d.h. an den Voraussetzungen der Gegenseite anzuknüpfen. Und die beste Kritik würde sich darauf beschränken, den Gegner wirksam zur Selbstkritik zu bewegen. Soviel kann ich hier nicht leisten.


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